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Land unter Schock – Der Irak nach dem Krieg

von Prof. Dr. Walter Sommerfeld, Marburg

Der Krieg ist vorbei. Es herrscht Anarchie. Und die Lage ist explosiv.

Walter Sommerfeld ist Professor für Altorientalistik in Marburg, bereist den Irak seit 20 Jahren und forschte dort gemeinam mit irakischen Wissenschaftler. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler besuchte er den Irak nach dem Krieg. In dem nachstehend ungekürzt wiedergegebenen Zusammenfassung seiner Eindrücke und Ermittlungen berichtet er über die katastrophale Situation, die nach der Okkupation durch die US-Amerikaner entstand, die Beihilfe der US-Truppen beim Plündern, die irreprablen Schäden am kulturellen Erbe Mesopotamiens und die Stimmung in der Bevölkerung. (s. auch seinen Bericht in der Süddt.- Zeitung, vom 10. Mai 2003 Museen-Plünderungen in Bagdad - "Go in Ali Baba! It´s all yours")

Der Fall von Baghdad

Nach unerwartet harten wochenlangen Kämpfen im Süden kam der plötzliche Fall von Baghdad am 9.4.2003 ebenso unerwartet. Was war geschehen?

Die folgende Schilderung geben unmittelbar Beteiligte, die tendenziell zutreffen dürfte, auch wenn die Details gegenwärtig noch nicht ausrecherchiert werden können.

Nachdem die US-Armee den Flughafen schnell besetzen konnte – auch unter Verwendung von Waffen, die die Maschinengewehre der Iraker zum Schmelzen brachten und von den Gefallenen nur Knochen ohne Fleisch übrig ließen – begann der Vormarsch in die Stadt. Noch bei meiner Einreise am 25.4. waren auf der Einfallstraße dutzende von ausgebrannten normalen Zivilfahrzeugen zu sehen, die im Weg gewesen waren und eliminiert wurden, wobei die zivilen Wageninsassen, auch viele Frauen und Kinder, zu Tode kamen. Ich habe ca. 400 m von dieser Straße entfernt auch Streubombeneinschläge an einem Privathaus gesehen.

Es folgten erbitterte Straßenkämpfe in einigen Teilen von Baghdad. Saddam Hussein rief am 6. oder 7.4. in der Umm-al-Tabul-Moschee militärische Kommandeure zusammen. Er war sehr erzürnt, weil die Truppen im Süden zähen Widerstand geleistet hatten, der Flugplatz hingegen nicht gehalten worden war. Er befahl eine sofortige Gegenoffensive. Als diese Kommandeure auf dem Weg in das Flughafengebiet waren, wurden sie durch einen amerikanischen Angriff getötet.

Von der Sinnlosigkeit des militärischen Widerstands überzeugt, wollten hohe Kommandeure die Kapitulation, um die völlige Zerstörung von Baghdad zu verhindern. Ob es Geheimabsprachen mit den Amerikanern gab, konnte oder wollte kein Informant benennen. General Saif Ad-Din Ar-Rawi gab am 8.4. den Befehl, den Widerstand aufzugeben. Daraufhin schickte Saddam Hussein seinen Cousin, der in erschoß. Die Meuterei war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Am Abend wurde in ganz Baghdad der Strom abgestellt, und im Dunkeln setzten sich die führenden Kommandeure ab. Als am Mittwochmorgen Einheiten der Republikanischen Garden, aber auch Regierungsmitglieder, die Ordnungskräfte der Baath-Partei, Polizisten usw. feststellten, daß ihre Führer verschwunden waren, entfernten sie sich vom Dienst. Widerstand wurde nur noch in einigen Stadtgebieten geleistet, und Baghdad konnte von den Amerikanern schnell eingenommen werden.

 Anarchie

Seitdem herrscht in Baghdad allgemeine Anarchie. Eine 5-Millionen-Stadt lebt ohne Regierung, Polizei, Justiz, ohne Ampeln, Gehälter, Büros.

Jeder ist bis zu den Zähnen bewaffnet, Schießereien sind in ganz Baghdad rund um die Uhr zu hören, vor allem nachts. Dabei sind Kampfhandlungen vergleichsweise selten, man schießt zur Warnung, aus Angst oder auch aus Freude, wenn in einem Viertel überraschend der Strom kommt für maximal zwei Stunden am Tag.

Es kann aber auch überall schnell gefährlich werden. Im Viertel, das in der Innenstadt direkt hinter dem Iraq Museum liegt, tobten am 1.5. den ganzen Abend lang heftige Kämpfe. Dabei wurde eine Tankstelle getroffen, deren Explosion mehrere Menschen tötete. Als ich mich am nächsten Morgen einige Stunden am Museum aufhielt, waren die Schießereien wieder in vollem Gange. Ein Anwohner kam zu den amerikanischen Posten am Museum und teilte mit, daß es wieder einen Toten und mehrere Verletzte gegeben habe. Der lakonische Kommentar der Soldaten lautete: "Nice neighbours!" Eine Intervention fand jedoch nicht statt.

Ab 23 Uhr herrscht Ausgangsperre, die Stadt ist gespenstisch dunkel. Sicherheit ist die zentrale, pausenlos wiederholte Sorge der Bevölkerung. Die Menschen äußern Befürchtungen wie diese eines Dekans der Universität Baghdad:

"Ich habe Angst, an die Uni zu gehen, solange es keine Regierung gibt. Ein Student, den ich bestraft oder schlecht benotet habe, könnte kommen und mich niederschießen. Niemand kümmert sich darum. Es gibt keinen Schutz, keine Verfolgung, keine Bestrafung."

Alle früheren Angestellten der Regierung – die Hunderttausende Lehrer, Ärzte, Professoren, Beamten der Behörden usw. – klagen heftig darüber, daß sie seit fast zwei Monaten keine Gehälter bekommen haben. Viele Leute, die keine finanziellen Reserven haben, wissen nicht, wovon sie Nahrung kaufen sollen.

Die Beschaffungskriminalität grassiert infolgedessen. Diebstahl, Raubüberfälle, auch Raubmorde sind an der Tagesordnung. Mir wurden viele Fälle berichtet, daß Räuber am hellichten Tag auf offener Straße unter Bedrohung durch Waffen Autofahrer gezwungen haben, das Fahrzeug abzugeben. Wer bislang noch keine Waffe hatte, besorgt sie sich jetzt. Aus den geplünderten Armeebeständen sind so viele (auch schwere) Waffen zu günstigen Preisen auf dem Markt erhältlich, daß man damit eine kleine Armee ausrüsten könnte.

Die Mittel- und Oberschicht hat Angst um ihr Leben und bleibt möglichst zu Hause und wartet ab. Die Angehörigen der repressiven Sicherheitsdienste und viele aktive Mitglieder der Baath-Partei sind untergetaucht – bei Verwandten, in Zweitwohnungen, auf dem Land.

Noch werden Plünderungen von Privathäusern nur vereinzelt berichtet (z. B. in Vierteln, wo die Fensterscheiben der Häuser im Krieg zerborsten sind), und auch die Femejustiz ist bislang selten. Sie wird aber allgemein befürchtet oder auch erwartet, denn es sind aus der Zeit der Diktatur viele Rechnungen offen geblieben, weil vielen Menschen großer persönlicher Schaden durch die Mächtigen zugefügt wurde. Wenn sich wieder Machtstrukturen herausbilden und die früheren Cliquen wieder auftauchen und Positionen zu besetzen suchen, ist eine Endemie von Lynchmorden möglich, so wie auch die Revolutionen der Vergangenheit mit einem Blutbad der persönlichen Abrechnungen verbunden waren. Selbst einen Bürgerkrieg zwischen den alten Netzwerken, die noch keineswegs alle zerschlagen sind, den jetzt an die Macht strebenden neuen Gruppen und Selbstjustiz suchenden Bürgern hält jeder Iraker für denkbar.

Die Traumatisierung der Bevölkerung begegnet dem Besucher überall. Vor allem die Kinder haben schwere psychische Schäden erlitten; der Terror des Dauerbombardements ("Shock and awe") hat ihre Seelen getroffen – sie erschrecken vor zuschlagenden Türen, zittern bei überfliegenden Hubschraubern und suchen ständigen Schutz. Erwachsene aus der Innenstadt erzählen, daß sie drei Wochen lang kaum die Sonne gesehen haben – einerseits wegen der zur Irritation des Feindes angezündeten Gräben, die mit Öl gefüllt waren, andererseits wegen der langen Brände getroffener Gebäude. In mehreren Stadtteilen wurde mir von Blutbädern unter der Zivilbevölkerung berichtet, die sich zufällig in der Nähe von bekämpften militärischen Verbänden befanden ("Kollateralschäden").

Es gibt aber auch Lichtblicke. Die Bürgerhilfe lebt auf und ist erstaunlich erfolgreich. Viele Viertel haben zum Schutz eine Bürgerwehr gebildet, normale Menschen regeln mit selbstgebastelten Schildern den Verkehr. Die Menschen helfen sich untereinander mit Lebensmitteln und dem Nötigsten aus, räumen ohne Gehälter ihre verwüsteten Dienststellen auf. Die Iraker sind Improvisationskünstler.

 Systematische organisierte Plünderung und Brandschatzung

Besonders geschockt sind die Iraker vom Wandalismus, mit dem Infrastruktur und Kultur zerstört wurden. Die Berichte zahlreicher, unabhängiger Zeugen gleichen sich derartig im Detail, daß sie einen realen Kern haben müssen. Zumindest spricht folgende Beschreibung der allgemeinen Überzeugung, die in Zukunft das Verhältnis der Bevölkerung zur "Koalition der Willigen" beeinflussen wird.

1. Die Plünderungen waren systematisch

In einem Stadtteil nach dem anderen wurden die Einrichtungen des alten Staates vollständig ausgeraubt – selbst fest installierte Anlagen wurden einschließlich der Steckdosen abmontiert – und was sich nicht zu plündern lohnte, wurde zerschlagen, umgestoßen, auf dem Boden zerstreut usw. Betroffen sind unter anderem:

Die Plünderungen sind noch immer nicht gestoppt, auch Anfang Mai waren sie den ganzen Tag über an vielen verschiedenen Stellen anzutreffen.

 

2. Die Plünderungen waren angestiftet oder toleriert

Viele Gesprächspartner berichten von verzweifelten Versuchen, Soldaten zum Einschreiten zu bewegen – ohne Erfolg. Selbst Interventionen bei der Kommandantur im Palestine-Hotel (z.B. durch UNO-Mitarbeiter zum Schutz ihrer Gebäude) blieben unerhört. Im Gegenteil: Die Plünderer fühlten sich sicher, sie trugen strahlend vor laufender Kamera die Sachen aus den Gebäuden und hörten erst auf, als alles ausgeraubt war. Es plünderten einfache Leute aus den Armenvierteln, aber – zumindest in einigen Gegenden – viele normale und auch gut gestellte Bewohner aus der Nachbarschaft. Die Menschen stahlen aus Armut, Wut, Rache, Gier. Das Beutegut wurde oft noch am selben Tag auf der Straße verkauft – manchmal zu Spottpreisen, etwa eine Klimaanlage für umgerechnet 5 Euro.

Das überraschendste Detail bei den Schilderungen war der Umstand, daß die amerikanischen Soldaten erst die Plünderungen ermöglichten, indem sie die oft sehr gut gesicherten Tore aufbrachen oder aufschossen und dann die Umstehenden aufforderten zu plündern: "Go in, Ali Baba, its yours!" Diesen Standardsatz haben Augenzeugen wiederholt gehört, "Ali Baba" ist unter den Amerikanern zum Inbegriff für plündernde Iraker geworden. Regelmäßig wird auch von Kuweitis berichtet, die die Truppen als Übersetzer und Führer begleiten und zum Plündern einluden. Ein Zeuge erzählte, wie die Soldaten lachend auf ihren Panzern saßen und zuschauten.

Solche zuverlässigen Darstellungen wurden mir von einem Nachbarn und einer unabhängigen Zeugin von der Zerstörung der deutschen Botschaft mitgeteilt: Nachdem ein amerikanisches Militärfahrzeug das Tor aufgebrochen hatte, wurden die Umstehenden zur Plünderung aufgefordert.

Mit Gewißheit zuerst bedient haben sich die Amerikaner an der University of Technology, wo sie in die Gebäude eindrangen, die Computer öffneten und die Festplatten an sich nahmen, bevor sich die Plünderer ans Werk machten. Dies berichtete ein Mitarbeiter des UN Development Programme.

Ob in allen Fällen dieses System von Anstiftung oder Tolerierung wirksam war oder nur in Einzelfällen, kann noch nicht beantwortet werden. Die immer ähnlich lautenden selbständigen Berichte sind allerdings überall zu hören.

3. Die Brandschatzung war unabhängig und sekundär

Die Plünderer haben geraubt und zerstört, aber nicht verbrannt. Nach ihnen kamen Brandschatzer, die systematisch ein ausgeraubtes Gebäude nach dem anderen mit Benzin (und zumindest teilweise auch mit brennbaren Chemikalien) in Brand setzten. Der zeitliche Abstand betrug manchmal mehrere Tage. Von der Brandschatzung blieb nicht viel verschont (darunter glücklicherweise das Iraq Museum), es wurden aber auch Gebäudeteile verbrannt, die nicht geplündert worden waren (z. B. die Finanzbuchhaltung einer UNO-Einrichtung). Opfer der Flammen wurden vor allem Papiere, Dokumente und Gebäude, von denen mehrere nach tagelangen Bränden zusammenbrachen.

 Die Folge: Es sind praktisch alle Unterlagen des alten Staates vernichtet, die gesamte Administration fängt bei Null an. So gibt es für Baghdad kein Grundbuch mehr, und damit ist kein Eigentumsnachweis mehr möglich. Dieser Umstand wird bereits jetzt von Milizen genutzt, um Bewohner aus gut gelegenen Anwesen zu vertreiben und diese dann für Büros und Stützpunkte zu nutzen. – Eine Gruppe von 20 schwerstverletzten Kindern, für die in Europa bereits Behandlungsplätze vorbereitet waren, konnte nicht ausreisen, weil niemand Reisedokumente ausstellen kann. Einige sind inzwischen gestorben, andere konnten in Saudi-Arabien behandelt werden.

Während die ungenierten Plünderungen von vielen Menschen beobachtet wurden, die zahlreiche Details benennen können, sind zur Identifizierung des relativ kleinen Kreises der Brandschatzer nur sehr vage Angaben erhältlich: "Geraubt haben die Iraker, verbrannt haben andere."

Über die Gründe für diesen systematischen Wandalismus wird viel spekuliert. Gebildete Iraker nennen folgende Gesichtspunkte:

Viele gebildete Iraker äußern sich schockiert über ihre wandalisierenden Landsleute und geben als Erklärung an, daß sich die Mächtigen des vergangenen Regimes schonungslos bereichert hätten, mit dem exerzierten Recht des Stärkeren ein schlimmes Beispiel gegeben und den Volkscharakter verdorben hätten. Sie sagen aber auch: Nach 35 Jahren harter Diktatur war die irakische Bevölkerung leicht einzuschüchtern, und ohne Ermutigung und Tolerierung wären die Plünderer nicht so sicher und hartnäckig gewesen: "Eine einzige Kugel hätte genügt, und alle wären verschwunden!"

 
Die Plünderung des Iraq Museums

Folgende Schilderung beruht auf den Berichten von Mitarbeitern des Museums und Bewohnern der umgebenden Wohngebiete, die als Augenzeugen die Vorgänge unmittelbar erlebt haben. Die meisten wollen anonym bleiben, weil sie sich vor Repressionen fürchten und auch in Zukunft notgedrungen mit den Amerikanern zusammenarbeiten müssen.

Am Dienstag, den 8.4., fanden heftige Kämpfe in unmittelbarer Nähe des Museums statt, das im Stadtzentrum liegt und von strategisch wichtigen Punkten umgeben ist. Die bewaffnete zivile Schutztruppe, die zur Sicherung des Museums vor Überfällen aufgestellt war, verließ in Todesangst das Gelände, das dann nach schweren Kampfhandlungen ("the museum was a real battle field") in die Hände der Amerikaner fiel. Am nächsten Tag rückten zwei Panzer an, so ein befragter Museumsangestellter; amerikanische Soldaten brachen die Tür des Hauptgebäudes auf und verweilten ca. zwei Stunden unter sich in den Ausstellungssälen. Sie wurden dann gesehen, wie sie Gegenstände herausbrachten und fortschufen. Um welche Objekte es sich dabei genau handelte, konnten die Beobachter nicht identifizieren. Es ist nur sicher, daß sich die meisten großen und auffälligen Exponate noch vor Ort befanden, weil deren Bergung schwieriger war, und daß nur die kleinen Objekte aus den Vitrinen in die Magazine gebracht worden waren.

Die zufällig anwesenden Iraker wurden dann aufgefordert, sich im Museum zu bedienen, wie ein Anwohner erzählte: "This is your treasure, get in!" Von Donnerstag bis Samstag, 10. bis 12.4., tobten die Plünderungen völlig unbehindert. Die Plünderer fühlten sich sehr sicher, selbst vor laufender Kamera brachten sie ungeniert die Objekte ins Freie und trugen sie davon – entsprechende Fernsehbilder gingen damals um die ganze Welt. Die wenigen an ihren Platz zurückgekehrten Museumsmitarbeiter konnten sie nicht aufhalten, sie versuchten aber mehrfach verzweifelt, in der Umgebung anwesende amerikanische Truppen zum Schutz zu bewegen. Es erschienen nur ganz kurz einige Soldaten, sahen sich die Vorgänge an und verschwanden wieder ("This is not our order.").

Einige Augenzeugenberichte, die weitere Details mitteilen, waren in einem Fernsehbeitrag des ZDF zu sehen ("Aspekte", Freitag, 9.5.2003, 22.30 Uhr); der Wortlaut dieser Aussagen ist im Anhang wiedergegeben.

Nachdem die Plünderungen nicht hatten verhindert werden können, hatten die Mitarbeiter allergrößte Sorge, daß die Brandschatzer wie auch sonst ans Werk gehen und die unersetzbaren Dokumentationen, Grabungsunterlagen und die Bibliothek mit Feuer vernichten würden. Zwei Direktoren des Antikendienstes machten sich am Sonntag, den 13.4., zur Kommandozentrale der Amerikaner im Palestine-Hotel auf, wurden nach vierstündiger Wartezeit vorgelassen und baten dringlichst um Schutzmaßnahmen. Die Kommandantur versprach, sofort Panzer und Soldaten zu schicken – bis Dienstag geschah nichts. Daraufhin gelang es einem Direktor, sich ein privates Satellitentelefon zu leihen und einen Kollegen im British Museum zu erreichen. Der mobilisierte dann britische und amerikanische Stellen, und schließlich fuhren Panzer auf, die seitdem das Museum bewachen.

Jetzt ist es das bestgeschützte Museum der Welt – seine Angestellten und sogar die Direktoren, die allesamt ohne Gehalt kommen für die Aufräumarbeiten und die Aufnahme der Schäden, werden nur nach genauer Identitätsüberprüfung und Gepäckkontrolle zugelassen (und sind darüber sehr empört). "Wir entscheiden, wer wann hineinkommt" sagte mir der wachhabende Soldat am Eingang. In einem Seitentrakt werden die zurückgewonnenen Objekte aufbewahrt. Als mich der Generaldirektor am 30.4. dort herumführte, war die Zahl dieser Funde, die auf großen Tischen ausgebreitet waren, nicht viel größer als 100 – bewacht von etwa einem Dutzend Soldaten, die im selben Raum ihre Feldbetten aufgeschlagen hatten.

 Über den Umfang dessen, was geraubt wurde, läßt sich bisher nur sagen, daß die Schäden unermeßlich sind. Mit Sicherheit sind einige der bekanntesten Exponate des Museums, die sich noch in den Ausstellungssälen befanden, verschwunden. Die Plünderer konnten ungestört auch die Magazine aufbrechen, deren Bestände insgesamt über 170.000 Inventarnummern umfaßten, und tagelang nach Belieben alles fortschaffen. Ein Generator sorgt erst seit dem 29.4. wieder für Licht, und die Angestellten haben mit der Inventur begonnen, die noch Wochen in Anspruch nehmen wird. Ein Totalverlust ist nicht eingetreten, aber der größte Teil der Kollektionen dürfte geraubt sein. Die Bibliothek blieb erhalten, ebenso viele Grabungsunterlagen und wohl auch die meisten Inventarbücher. Der Wandalismus hat furchtbar gewütet, aber eine alles vernichtende Feuersbrunst konnte verhindert werden.

Antiquitäten aus den Raubzügen werden verkauft und sind besonders bei den vielen Journalisten begehrt, so daß sich bewaffnete Banden auf der über 500 km langen Autobahn von Bagdad bis zur jordanischen Grenze auf deren Fahrzeuge spezialisiert haben. Ein Überfallener berichtete mir, daß die erste Frage der Banditen war, nachdem sie mit Maschinenpistolen sein Auto gekapert hatten: "Wo sind die Antiquitäten?" In einem Journalistenauto wurden zwölf Kisten mit Antiquitäten gefunden!

Die allerwertvollsten Stücke – darunter der berühmte Goldfund aus den assyrischen Königinnengräber in Nimrud – waren im Tresor der Zentralbank aufbewahrt. Auch hier hatten Plünderer lange Zeit freie Hand, inzwischen wird sie von Soldaten unzugänglich abgeschirmt. Selbst die Leitung des Antikendienstes hatte noch am 2.5. keine Informationen, was von diesen Schätzen erhalten geblieben ist und wo sie sich jetzt befinden.

Selbst seit die internationale Empörung über die Kulturfrevel im Irak hochgeschlagen ist, wird die Verwüstung nach demselben Muster immer noch toleriert. Unabhängig, aber übereinstimmend berichteten eine europäische Kollegin und eine lokale Archäologin ihre Erlebnisse aus Babylon, der vielleicht berühmtesten Stadt der Alten Welt, daß dort am Dienstag letzter Woche, den 29.4., geplündert und gebrandschatzt wurde – unter anderem sind die Dokumentationen über die dortigen irakischen Grabungen verbrannt. Wiederum gingen die Vertreter des Antikendienstes zu den amerikanischen Truppen, die sich in dem auf einer Anhöhe errichteten Palast Saddam Husseins einquartiert haben, und baten dringend um Schutz. Sie erhielten wieder die gleiche Antwort: "This is not our order."


 Die Universitäten

Auch die 15 Universitäten des Irak sind vollständig ausgeplündert und gebrandschatzt worden (mit Ausnahme des Campus der Universität Bagdad in Dschadirija, wo die Amerikaner Quartier aufgeschlagen haben).

Von der Einrichtung der Mustansarija-Universität, neben Bologna die älteste der Welt, ist absolut nichts mehr erhalten – selbst fest installierte Anlagen wurden einschließlich der Steckdosen abmontiert; anschließend wurden die Gebäude abgebrannt. Im Campus der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bagdad in Wazirija ist fast alles vernichtet; auch das dortige Department of Archaeology ist zerstört, das als Pendant zum Iraq Museum die Quellen aus der mehr als 5000jährigen Hochkultur aufarbeitet und die Nachwuchskräfte für den Antikendienst des Landes ausbildet. Einige Gebäude sind durch die Hitze der Brände zusammengebrochen.

Von der Bibliothek der Germanistischen Abteilung, die in 50 Jahren mühsam aufgebaut wurde und über 15.000 Bände umfaßte, sind nur noch im Brand zusammengesunkene Regale und zu kleinen Ascheklumpen zusammengebackene Haufen übrig geblieben – keine einzige Seite ist noch brauchbar.

Freiwillig ohne Gehalt haben sich inzwischen einige Professoren und Studenten an die Aufräumarbeiten gemacht. Auch das ist schwierig, wie ein Kollege klagte: Die Benzinvorräte Bagdads gehen zur Neige, eine Tankstelle nach der anderen schließt, für eine Tankfüllung muß man 4-5 Stunden warten, der Preis des noch erhältlichen Benzins hat sich verzehnfacht auf jetzt umgerechnet über 50 Cent pro Liter; man kann sich die Fahrten in die Universität einfach nicht mehr leisten. Einige Räume wurden provisorisch wieder eingerichtet, und der Kollege hat aus eigener Tasche Vorhängeschlösser gekauft, damit ihre Arbeit nicht wieder aufs Neue zunichte gemacht wird.

Am 17.5. sollen die Universitäten wieder ihre Arbeit aufnehmen – ohne Mobiliar, Bibliotheken, Papier, Verwaltungsunterlagen. Statt Kollegheften und Computern sind jetzt Besen und Schaufel die wichtigsten Arbeitsinstrumente, und die Lehrkräfte müssen aus dem Gedächtnis die Wissenschaft vermitteln. Viele wollen dies den Studenten zuliebe tun, damit diese nicht ein ganzes Jahr verlieren.

 
Großer Unmut in der Bevölkerung

So effektiv die militärstrategische Planung der Amerikaner ist, so unvorbereitet und konzeptlos stehen sie vor den zivilen Problemen. Sie hatten keinerlei Maßnahmen zur Versorgung der Bevölkerung vorbereitet, gegen die Gesetzlosigkeit haben sie bislang nichts unternommen. Sie orientieren sich nur sehr langsam, setzen heute einen verantwortlichen Direktor ein und morgen wieder ab, eine funktionierende Regierung ist nicht in Sicht. Sie haben keine Basis gebaut im Irak, und sie stoßen überall auf Probleme. Wie sehr die Weitsicht bei der Okkupation fehlte, zeigt sich zum Beispiel darin, daß jetzt mühsam Polizeikräfte aus verschiedenen Ländern rekrutiert werden müssen und die Aktivierung von 20 lokalen Polizisten eine eigene Meldung wert ist.

Es geht aber auch anders, wenn es im Interesse der Besatzer ist. Als einziges wurde das Ölministerium nicht geplündert und gebrandschatzt, sondern von Anfang an geschützt. Inzwischen wurden die wichtigen Unterlagen (etwa über die explorierten Öllagerstätten) konfisziert, die alten leitenden Angestellten reorganisieren die Administration. Einige weitere Gebäude werden inzwischen ebenfalls gesichert, darunter Krankenhäuser.

Oder bei der Eisenbahn, bei der die gesamte Einrichtung und alle Lagerhallen vollständig geplündert wurden, selbst leere Container wurden weggeschafft; es wurde allerdings nicht gebrandschatzt. Kürzlich erschien ein britischer General, rief die Angestellten zusammen und ließ jedem 20 Dollar Überbrückungsgeld auszahlen. Priorität soll jetzt der Ausbau der Linie Baghdad-Basra bekommen.

Den Amerikanern fehlt weitgehend das Verständnis für die irakische Mentalität, sie zeigen oft wenig Fingerspitzengefühl. Mir wurde berichtet, daß eine Panzerbesatzung Halbwüchsige auf der Straße anhielt und nach Mädchen fragte, für die sie 10 Dollar bot. In Ghasalija in Schordscha wurde ein Bordell eingerichtet, vor dem Haus steht ein Schild mit der Aufschrift "Nur für Amerikaner!" Solche Erlebnisse langen, um jeden Iraker zum Patrioten zu machen, der sich gegen die ungeliebten Besatzer wendet.

Die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung gegenüber den Amerikanern ist sehr verhalten. Zwar äußern sich viele Iraker sehr dankbar und zufrieden darüber, daß das Regime von Saddam Hussein verschwunden ist. Die Amerikaner werden aber zunehmend für Anarchie und Mangel verantwortlich gemacht, alle wollen, daß sie bald wieder gehen, und immer häufiger werden die Stimmen, die sagen, daß es unter Saddam schlimm war, jetzt aber noch viel schlimmer ist. Jedermann äußert die Überzeugung, daß die Iraker anfangen werden zu kämpfen gegen die Besatzungsmacht, wenn die Lage nicht schnell besser wird und sie sich nicht bald zurückzieht.

 
Der Aufbau einer neuen Ordnung und der Kampf um die Macht

Die Bevölkerung befindet sich im Schockzustand. In der Zeit von Anarchie und Umbruch warten die meisten ab, andere hingegen versuchen um so intensiver, das Vakuum zu füllen. Prognosen über die weitere Entwicklung sind nicht möglich. Es können nur die Kräfte benannt werden, die als Vektoren im Kräftespiel eine Rolle spielen, und mögliche Szenarien benannt werden.

Über Saddam Hussein und sein Regime sind alle sehr enttäuscht – auch die pragmatischen früheren Parteigänger und diejenigen, die keine Konflikte mit seiner Regierung hatten. Informationen, die vorher nicht bekannt waren oder nur wenigen, werden jetzt überall verbreitet. Wut löst die grenzenlose Bereicherungsmanie aus, während die Bevölkerung darbte. In einigen Palästen (z. B. unter einem Hundekäfig oder hinter einer falschen Wand) wurden Hunderte Millionen Dollar in bar aufgefunden. Kein einziger normaler Iraker hatte jemals Zugang in seine herrlich ausgestatteten Palastanlagen gehabt, während nach dem Sturz jetzt Plünderer und Schaulustige jedes Detail begutachten konnten. Die Gefängnisse wurden geöffnet und die grausamen Haftbedingungen bekannt, und über den Sadismus insbesondere von Saddams ältestem Sohn Udai kursieren jetzt allerlei Einzelheiten.

Man registriert mit Verbitterung, daß Saddam Hussein dem Land sehr geschadet hat, einen aussichtslosen Krieg nicht verhindert und keine Maßnahmen zur Rettung der Bevölkerung getroffen hat. Auch über seine Regierung hört man sehr viel Bitterkeit. Ein Arzt, der seit der Revolution von 1968 von der Ideologie der Baath-Partei überzeugt war und der zu dem behandelnden Ärzteteam gehörte, das noch am 7.4. zusammen mit Saddam in einem Gebäude übernachtete, erzählte, daß die Krankenhäuser vor dem Krieg kein Material (etwa Narkose-mittel oder Bruchschienen) zur Versorgung von Notfällen, wie sie im Krieg in großer Anzahl zu erwarten sind, zugewiesen bekommen haben, und meinte, daß der dafür zuständige frühere Gesundheitsminister "als erster gehängt" werden müsse.

Es gilt als völlig unwahrscheinlich, daß Saddam wiederkommen kann. Seine Netzwerke sind aber keineswegs völlig zerschlagen. Es heißt, daß er sich jetzt unauffindbar verberge und die Entwicklungen beobachte, aber noch sehr viel Unheil anrichten könne – insbesondere, wenn der Unmut in der Bevölkerung weiter anwächst über die Anarchie und den sich nur äußerst langsam verbessernden Vorsorgungsnotstand.

Die irakische Auslandsopposition (der Irakische Nationalkongreß INC), insbesondere die Fraktion von Ahmed Tschalabi, ist sehr aktiv. Sie bildet Milizen, besetzt die besten Häuser und Gelände, aus denen die Anwohner vertrieben werden, und ist gut bei Kasse (angeblich haben diese Milizen auch mehrere Banken ausgeraubt). Sie versucht, Einfluß bei der zukünftigen Regierungsbildung zu gewinnen, ihre Machtmittel sind Gewalt und Geld, sie verfügt aber über keine authentische Basis in der Bevölkerung, ist unbeliebt und wird nicht akzeptiert, weil sie als Organisation aus dem Ausland empfunden wird und in den letzten Jahrzehnten keine Verbindung mit der realen Situation des Landes und den Problemen der Bevölkerung hatte.

Die Schiiten sind am besten organisiert und können jederzeit eine eindrucksvolle Massenbewegung in Millionenstärke mobilisieren. Vom Ausland nahezu unbemerkt hatten sie seit 1994 im Südirak weitgehende Autonomie bei der Wahrung ihrer inneren Belange erhalten und diese gut genutzt. Ihre geistliche Führung sorgt für Ruhe und Ordnung, in den von ihnen kontrollierten Städten Nadschaf und Kerbela gab es keine Plünderungen, und sie haben auch eine islamische Gerichtsbarkeit eingesetzt. Ihre Strategien sind sehr flexibel – es wird erwartet, daß sie zunächst auf demokratischem Wege entsprechend ihrer Bevölkerungsmehrheit auch die Majorisierung der zukünftigen Regierung anstreben und dann in einem weiteren Schritt einen islamischen Staat aufzubauen versuchen werden. Sie sind absolut gegen die Besatzungsmacht eingestellt und verfügen über ein großes Reservoir für den Dschihad. Reisende aus Nadschaf berichten, daß die Schiiten dort bereits auf den Guerillakampf vorbereitet sind. Die gebildete Bevölkerung von Baghdad hält die Schiiten für die Größe, die am schwersten einzukalkulieren ist, aber an deren Entschlossenheit und Gewaltpotentialen überhaupt kein Zweifel besteht.

"Die Amerikaner lieben das Leben, aber die Schiiten hassen das Leben. Sie sind stolz darauf, im Kampf gegen die Amerikaner in den Tod zu gehen, wenn ihr Führer ihnen das befiehlt." (ein schiitischer Hochschullehrer)

Der Iran feuert: "Weg mit den Amerikanern", und der Dschihad wird propagiert. Aus dem Iran wird zur Zeit der einzige Fernsehsendung (Al-Alam "Die Welt") ausgestrahlt, die in Baghdad ohne Satellit empfangen werden kann und die in der Aufmachung der Nachrichtensender CNN und Al-Dschasira unentwegt einen islamischen Staat propagiert. Angeblich sind zahlreiche iranische Milizen bereits im Lande. Der Einfluß des Iran auf die irakischen Schiiten und auf die internen Machtverhältnisse ist von außen nicht zu bestimmen.

Die Millionen der städtischen Bevölkerung mit einer sunnitischen Mehrheit, insbesondere im Großraum Baghdad, sind unkoordiniert – sie werden weder durch die Zugehörigkeit zu Stammesverbänden, noch durch religiöse Identität noch durch ein gemeinsames politisches Programm geeint.

Die Mittel- und Oberschicht verfügt über viel Erfahrung in Administration und Wirtschaft, sie garantierte das Funktionieren des Staates auch in schwierigsten Zeiten unter Embargo-Bedingungen. Diese Schicht will, daß diejenigen die zukünftige Regierung bestimmen, die in den harten Zeiten von drei Kriegen und 13 Jahren Embargo ihre Kompetenz bewiesen haben und über genaue Kenntnisse der Gesellschaft und ihrer Probleme verfügen, die sich persönlich aber nicht korrumpiert haben. Es bilden sich allerdings noch keinerlei Mehrheitsverhältnisse oder verbindende Konzepte ab. Im gegenwärtig herrschenden Vakuum will jede Fraktion Einfluß gewinnen. Inzwischen haben sich dutzende Parteien gebildet, die Partikularinteressen vertreten. Selbst Splittergruppen versuchen, z. B. mit Demonstrationen und Transparenten vor dem Palestine-Hotel auf sich aufmerksam zu machen. Und "jeder kleine Angestellte denkt, daß er jetzt Ölminister werden kann" (so ein dort tätiger Direktor).

 

Es gibt allerdings keine Strukturen für demokratische Prozesse, ein Forum für öffentliche Diskussionen und Mehrheitsbildung fehlt. Einigkeit besteht nur darin, daß man weder einen islamischen Staat noch ein amerikanisches Regime noch eine von den USA eingesetzte oder abhängige Regierung will. Die Besatzungsmacht hat noch kein Mittel gefunden, die Bevölkerung zu erreichen. Der Propagandasender ("Der neue Irak") überzeugt niemanden, "er bringt nicht das, was die Iraker hören wollen" – der Informationsgehalt ist dürftig, und die Präsentation ist schwach ("furchtbares Arabisch"). Die öffentliche Meinung bildet sich hauptsächlich durch privaten Meinungsaustausch und Mundpropaganda; eine Schlüsselrolle spielen auch die Moscheen mit der Verkündigung islamistischer Konzepte. Die nach dem Krieg nur vereinzelt neu aufkommenden Medien (darunter einige Zeitungen früherer Oppositionsgruppen) erreichen nur Bruchteile der Bevölkerung und sind für eine mehrheitsfähige Willensbildung ungeeignet.

 
Zukünftige Szenarien

Die Bandbreite denkbarer Szenarien ist groß – langsame Stabilisierung, Bürgerkrieg, Auseinanderfallen des Landes, Aufstände und Guerillakampf. Prognosen über die weitere Entwicklung sind jedoch noch völlig unsicher. In den innerirakischen Diskussionen werden folgende hypothetische Konstellationen beschrieben.

Angesichts der Unsicherheit und explosiven Stimmung wird häufig folgender Standpunkt vertreten: Das Bombardement hat aufgehört – aber der eigentliche Krieg hat noch gar nicht erst angefangen!


Die Wirtschaft

Lediglich in den Kreisen der Geschäftswelt sind einigermaßen optimistische Töne zu hören. Zwar räumen auch die Geschäftsleute, die ganz pragmatisch mit dem alten Regime umgegangen sind, sich an westlicher Effizienz orientieren und viele Auslandskontakte haben, ein, daß 3-6 Monate schwierigster, instabiler Zeiten wahrscheinlich sind; sie erwarten dann aber eine deutliche Besserung.

Diese Schicht glaubt fest, daß sich die USA die "besten Stücke" sichern werden (vor allem den gesamten Ölsektor und sämtliche Großprojekte), sie ist aber ebenfalls der Meinung, daß im Privatsektor die besten Chancen für Deutschland und Europa bestehen.

"Amerikanische Produkte sind seit 40 Jahren unbekannt. Die Iraker schätzen deutsche Erzeugnisse über alles, sie sind der Inbegriff von Qualität und Prestige, mit diesen sind sie vertraut. Wenn sich die Handelsbedingungen liberalisieren, entsteht für diese Produkte eine riesige Nachfrage."

Noch allerdings gibt es keine staatliche Infrastruktur; Ansprechpartner für Kontakte und Verhandlungen fehlen, oder sie haben keinerlei Kompetenzen.

 Abschließend gebe ich Kernsätze aus der privaten Diskussion mit einem Geschäftsmann, einem Arzt und einem Professor wieder, die im Ausland (USA, England und Deutschland) ausgebildet wurden und die das Innenleben der irakischen Gesellschaft sehr genau kennen. Diese Meinungen sind natürlich einseitig und z. T. auch naiv, geben aber sehr gut die Atmosphäre wieder, die charakteristisch für die Gespräche in der früher staatstragenden, gebildeten Schicht ist.

Über Saddam Hussein:

Saddam hat unseren Idealismus, den Irak aufzubauen und groß und stark zu machen, mißbraucht. Ohne ihn wäre der Irak jetzt eine Mittelmacht wie Indien und Pakistan. Er hat Sklaven aus uns gemacht. Er hat das ganze Land auf seine Person zugeschnitten wie ein ausgetretenes Paar Schuhe. Seine Cliquen haben uns alles Schlechte vorgemacht, und das ist jetzt allgemeine Gewohnheit geworden. Udai (der älteste Sohn) hat Saddam zu Fall gebracht, weil dieser ihm freie Hand gelassen hat. Er war die Ursache, daß 80 Prozent der Bevölkerung Saddam, die Baath-Partei und das ganze Regime hassen. Er war ein Sadist. Er hat Saddam politisch getötet.

Über die Amerikaner:

Niemand vertraut ihnen, sie sind dumm, sie haben kein Verständnis, keine Ideen, zu wenig Informationen über den Irak. Sie sind nicht gekommen, um den Irak zu befreien, sondern um unseren Reichtum zu nehmen. Sie haben eine viel größere Schweinerei (a much bigger mess) angerichtet, als wir sie vorher hatten. Sie haben nur zerstört, aber nichts gebracht, um das Alte zu ersetzen. Sie sollten jetzt mit dem Wiederaufbau anfangen – warum lassen sie die Dinge in diesem Chaos? Die Zeit wird kommen, da werden die Leute auf den Straßen sagen: "Saddam war besser!" Wenn die Amerikaner bleiben, werden wir sie bekämpfen. Jeden Tag zwei Tote – da kommt mit der Zeit eine ganze Menge zusammen. Sie sind in einem Sumpf gelandet. Die Leute, die sie mitgebracht haben, die jetzt politisch aktiv sind, kennen sich nicht aus. Diese Figuren werden niemals akzeptiert werden.

 

Über die UNO-Inspekteure (UNSCOM bzw. UNMOVIC):

Blix verdient 80.000 Dollar im Monat, die anderen Inspekteure 60.000 Dollar; der Irak bezahlt ihr Gehalt. Sie haben nur ein einziges Interesse: daß das Embargo möglichst lange dauert, damit sie weiter Geld verdienen können. Unter ganz fadenscheinigen Argumenten verlängern sie ihre stets ergebnislosen Nachforschungen und wollen auch die belanglosesten Details überprüfen. Ohne ihre Inspektionen würden sie ihre Einkommen verlieren. Dabei wissen sie seit 1995 ganz genau, daß der Irak keine Massenvernichtungswaffen mehr besitzt – als Hussein Kamil (der übergelaufene und später liquidierte Schwiegersohn Saddams) der CIA alle Details verraten und ganz ausdrücklich bestätigt hat, daß der Irak alle diese Waffen zerstört hat.

Über Demokratie:

Wir sind nicht darauf vorbereitet. Demokratie braucht Zeit – bestimmt 50 Jahre. Wir werden eine Demokratie mißbrauchen. Was ist der Vorteil von Demokratie, wenn wir nicht sicher schlafen können? Demokratie ist das Schlimmste, was dem Irak passieren kann. Wir brauchen sie nicht, wir brauchen jemand, der uns beschützt. Wir brauchen eine Diktatur, aber moderat!

Über die Zukunftsaussichten:

Unsere Zukunft ist sehr, sehr dunkel. Wir haben Angst um unser Leben. Wir wollen nur überleben. Die Gesellschaft ist zerfallen, es herrscht völlige Gesetzlosigkeit. Es gibt kein Vertrauen, in nichts. Die Iraker werden vielleicht vergeben, aber niemals vergessen, was geschehen ist.

10. Mai 2003

Prof. Dr. Walter Sommerfeld

 

 

 

Anhang

Wortlaut der Augenzeugenberichte über die Plünderung des Iraq Museums

(wiedergegeben in "Aspekte", ZDF, Freitag, 9. Mai 2003, 22.30 – 23.00 Uhr)

 

Ferid Hagi (Geschäftsmann):

Wer hat’s ausgeraubt? Wer zuerst drin war – die Amerikaner!

Husan Ibrahim (Anwohner):

Sie haben das Museum aufgebrochen, angeblich, um nach Freischärlern zu suchen. Und dann haben sie den Plünderern gesagt: "Kommt nur rein!"

Waidi Sami (Wachmann der benachbarten Moschee):

Die Amerikaner sind vorgefahren und haben Objekte aus dem Museum mitgenommen.

Husan Ibrahim: Am ersten Tag, als die Amerikaner hierherkamen, stand ein Panzer direkt neben dem Museum. Da war das Gebäude noch völlig unbeschädigt, und im Garten des Museums hielten fünf Irakis Wache. Ja, das waren Iraker. Ich ging mit den Wächtern zu dem US-Panzer und bat die Soldaten, das Museum zu beschützen. Sie sagten: "OK!" (Doch die Panzer wurden abgezogen, die Wächter in ihrem Erdloch blieben allein.)

Waidi Sami: Um 4.30 Uhr am nächsten Morgen kamen die Amerikaner zurück, und ein Offizier forderte seine Leute auf, ins Museum einzudringen. Außer den amerikanischen Soldaten waren auch Kuweitis dabei. ... Die haben archäologische Objekte aus dem Museum geholt und sie in sieben Lastwagen der US-Armee verstaut. Begleitet von gepanzerten Wagen ist der ganze Konvoi dann abgefahren.

Husan Ibrahim: Später tauchte ein Jeep mit fünf Amerikanern auf. Sie behaupteten, daß sich im Museum Saddams Fedajin versteckt hielten. Sie brachen den Seiteneingang auf und waren eine ganze Weile da drin. Dann riefen sie den Leuten, die sich draußen versammelt hatten, zu: "Come in!" Und so begann das Plündern.

Ferid Hagi: Die Amerikaner hatten doch alles hier unter Kontrolle, und sie haben mitgehen lassen, was ihnen gefiel. Und dann haben sie die Plünderer reingelassen, um ihren eigenen Diebstahl zu vertuschen. Nun wollen sie alles diesem Mob in die Schuhe schieben. ... Die Amerikaner waren doch als erste im Museum, und die wußten genau, was die wirklichen Schätze waren. Die primitiven Plünderer haben nur den Ramsch mitgenommen. Aber Gott im Himmel hat’s gesehen, und irgendwann werden wir alle vor ihm stehen.