UN-Helfer sehen Hungersnot drohen
Durch »kluge Sanktionen« verbessert sich die Versorgungslage der Bevölkerung nicht 
 
Von Rainer Rupp 
Neues Deutschland vom 17.05.02

Gespräche mit Vertretern von Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen in Bagdad offenbarten deren zunehmende Sorge über die »katastrophale Auswirkungen« eines neuen USA-Krieges gegen Irak.  

Einer dieser UN-Vertreter bezeichnete die US-amerikanischen Kriegsdrohungen in einem Atemzug mit dem Embargo als »kriminell« und setzte damit als ein auf »politische Unparteilichkeit« verpflichteter UNO-Angestellter seine Position aufs Spiel. Ein anderer verwies auf eine interne Studie, in der sich die UNO-Vertreter mit dem zu erwartenden Zusammenbruch der Nahrungsmittelverteilung in Irak beschäftigen. Im Falle des angedrohten Großangriffs rechnen die Hilfsorganisationen mit einer Hungersnot, in deren Folge eine riesige Flüchtlingswelle erwartet wird, die nicht nur die angrenzenden Länder zu destabilisieren droht, sondern deren Auswirkungen auch in Europa empfindlich zu spüren wären.

»Vor dem Hintergrund der fortdauernden psychologischen Kriegsführung gegen Irak wird ein Schreckensszenario sichtbar, das durch eine (absichtliche oder unabsichtliche) Unterbrechung der Verteilung der monatlichen Nahrungsmittelrationen an die irakischen Familien entstehen würde«, heißt es in der Einleitung des internen UNO-Dokuments.

Etwa 24 Millionen Menschen (20,5 Millionen im Zentrum und im Süden und 3,5 Millionen im Norden) oder 3,7 Millionen Familien erhalten derzeit eine monatliche Hilfe, die einen Tagesbedarf von etwa 2230 Kalorien absichern soll. Dafür müssen etwa 410000 Tonnen Nahrungsmittel monatlich im ganzen Land verteilt werden. »Eine ungeheure logistische Operation, die bisher ohne jegliche Beanstandung von den irakischen Stellen routinemäßig durchgeführt wurde«, stellt die Studie fest. In einem neuen Krieg müsste jedoch mit einem Zusammenbruch des Verteilungssystems gerechnet werden.

Die monatlichen Essensrationen werden aus dem Programm »Öl für Lebensmittel« bezahlt. Die USA und Großbritannien hatten vor knapp fünf Jahren unter dem wachsenden Druck der internationalen Öffentlichkeit der Lockerung des Embargos für Nahrungsmittel zugestimmt. Seither darf Irak offiziell jährlich Öl im Werte von 10 Milliarden Dollar exportieren. Von dem Erlös, der von der UNO in New York verwaltet wird, können Lebensmittel eingeführt werden, die in einem so genannten Essenskorb aufgelistet sind. Enthalten darin sind nur die wichtigsten Grundnahrungsmittel, aber beispielsweise kein Fleisch. Da trotz größerer Anstrengungen die heimische Nahrungsmittelproduktion rückläufig ist (Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel fallen unter das Embargo), sind die monatlichen Hilfsrationen für die ärmeren Bevölkerungsschichten inzwischen zu einer Frage des Überlebens geworden. Selbst der Mittelstandshaushalt eines Lehrers hängt heute zu 83 Prozent von den Rationen ab.

Wird das neue Regime der ›klugen Sanktionen‹ (smart sanctions), das am Dienstag im UN-Sicherheitsrat verabschiedet wurde, die Lage verbessern? Nach Meinung von Prof. Eric Herring von der Universität Bristol, einem der führenden Sanktionsspezialisten, ist kaum ein Unterschied zu erkennen. Denn von Lebensmittellieferungen allein hänge die Versorgung der Bevölkerung nicht ab. Das Problem sei die Verteilung, und da mangele es an Lagerhaltungsgerät, Transportmöglichkeiten und vielem anderem. Lastwagen beispielsweise stehen auf der 300-seitigen Liste von Gütern, die nach wie vor nicht nach Irak geliefert werden dürfen. Derzeit blockieren die USA und Großbritannien Lieferverträge im Wert von 443 Millionen Dollar. Außerdem befinde sich das Programm »Öl für Lebensmittel« in einer Finanzkrise. Selbst wenn die Verträge freigegeben würden, hätte Irak derzeit nicht das Geld, um dafür zu bezahlen.
»Das größte Problem liegt aber in der extrem niedrigen Kaufkraft der meisten Iraker«, meint Eric Herring. Dies verhindere, dass die Menschen Nahrungsmittel auf den freien Märkten hinzukaufen und ihre staatlichen Rationen aufbessern könnten. Aus all diesen Gründen erwarte er keine Verbesserung der prekären Versorgungslage, weshalb auch die Gefahr einer Hungersnot im Falle eines neuen Kriegs trotz des flexibleren Sanktionsregimes fortbestehe.

Vor diesem Hintergrund ändert sich auch nichts an der Schlussfolgerung der internen UN-Studie, die davor warnt, dass »die Fähigkeit der irakischen Familien, mit Versorgungsengpässen für Lebensmittel fertig zu werden, in den letzten Jahren drastisch gesunken ist«. Deshalb müsse die dringende Fragen gestellt werden: »Was passiert, wenn das derzeitige Verteilungssystem in Irak (im Fall eines Krieges) unterbrochen wird? Verfügen die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen über die Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit 410000 Tonnen Nahrungsmittel im ganzen Land zu verteilen?«

Die Antwort ist niederschmetternd: »Schwangere und stillende Mütter sowie kleine Kinder werden die ersten Opfer sein. Sofort würde sich Chaos ausbreiten. Sehr schnelle Intervention der Hilfsorganisationen (inmitten des Chaos) wäre dann notwendig, um eine Massenhungersnot zu verhindern.«

(ND 17.05.02)